Das Ziel war eigentlich ein anderes: Auch mich bewegt die zunehmend drängender werdende Auseinandersetzung mit der Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“. Die französische und die italienische Bischofskonferenz haben – mit Unterstützung von Papst Franziskus – hier bereits 2017 bzw. 2020 eine einheitliche Neuformulierung im Sinn von „bewahre uns vor der Versuchung“ umgesetzt. In Spanien lautet die Übersetzung bereits seit dem 16. Jahrhundert: „Lass uns nicht in Versuchung fallen.“ Umso enttäuschender ist die Haltung der deutschsprachigen Bischöfe, die hier keinen Änderungsbedarf sehen. Aber immer mehr bewusste Christ:innen erleben diese Formulierung als problematisch und können oder wollen sie in dieser Form nicht mehr beten.
Freilich: Der griechische biblische Originaltext ist eindeutig: „Führe uns nicht hinein in die Versuchung.“ Aber Jesus hat nicht Griechisch gesprochen, sondern seine Jünger dieses Gebet in Aramäisch gelehrt. Und orientalische Sprachen zeichnen sich dadurch aus, dass sie offener, differenzierter, poetischer und uneindeutiger sind als Griechisch oder gar Latein. Wir kennen den aramäischen Originaltext nicht, aber der Versuch einer Rückübersetzung aus dem Griechischen ins Aramäische (gestützt auf aramäische Bibelübersetzungen, die bis ins 4. Jahrhundert oder früher zurückreichen) zeigt, dass diese Bitte mehr Spielraum lassen müsste. Ein Gottesbild, mit einem hinterlistig in Versuchung führenden Gott entspricht nicht dem Gottesbild Jesu, oder – wie es Papst Franziskus formulierte: „Nicht Gott führt in Versuchung, sondern der Satan.“
Nun ist aber dieses Gebet Jesu gerade im deutschsprachigen Raum das einzige Gebet, das wir Christ:innen aller Konfessionen gemeinsam haben. Es wäre sehr bedauerlich, wenn dieses wundervolle Zeichen der Einheit durch Wildwuchs zerstört würde. Eine Änderung muss darum nach meiner Meinung einheitlich und ökumenisch erfolgen. Aber sie ist notwendig – damit müssen wir unseren Kirchenverantwortlichen permanent in den Ohren liegen.
Und noch ein Frage sollte bedacht werden: Welche Änderung ist sinngemäß, aber auch lebensgerecht? Ist die Bitte „Bewahre uns vor der Versuchung“ nicht letztlich lebensfremd? Versuchung ist eine Realität unseres Lebens, ja sogar notwendig, wenn wir die Rede von Gottes Liebe ernstnehmen. Gott ist in seiner Liebe so radikal, dass er uns die volle Freiheit gibt, selbst wenn wir sie dazu nutzen sollten, sie gegen ihn zu verwenden. Wir sind keine Marionetten Gottes, sondern von Gott Geliebte. Darum gehört die Versuchung, diese Freiheit zu missbrauchen, zu unserer menschlichen Befindlichkeit. Die Bitte an Gott sollte also dahin gehen, uns „in der Versuchung“ oder „durch die Versuchung“ zu führen.
Eine Textänderung für das gemeinsame Beten sollte darum sensibel und verantwortungsvoll, auf jeden Fall aber ökumenisch einheitlich erfolgen. Leichter scheint es mir zu sein, Textvarianten in gesungener Form zu erproben, d.h. durch die Bindung des Textes an eine Melodie.
Es gibt bereits eine deutschsprachige Fassung des Vaterunser mit der Bitte „Führe uns in der Versuchung und erlöse uns von dem Bösen“ aus Taizé, allerdings ist die Melodie – obwohl sie leicht erscheint – nach meiner Erfahrung so schwer ins Ohr gehend, dass sie sich wohl nicht weiträumig verbreiten dürfte.
Auf diesem Hintergrund nun habe ich versucht, eine eigene Melodie zu finden, habe mich aber dabei in eine strophische Form „verirrt“, die naturgegeben an mehreren Stellen freier mit dem Text umgehen muss. Der Vorteil dieser Fassung liegt nun primär darin, dass die Siebenzahl der Bitten in diesem Gebet deutlich hervortritt.
Auch war es mir ein Anliegen, den „Embolismus“ aus dem 5. Jahrhundert, der mit der Liturgiereform Eingang in das katholische Messbuch gefunden hat, optional einzubeziehen. Denn die Bitte um „Bewahrung vor allem Bösen und um Frieden in unseren Tagen“, die wohl unter Papst Leo dem Großen in einer geopolitisch sehr bedrängten Zeit (Völkerwanderung) entstanden sein dürfte, ist auch heute wieder sehr aktuell.